Warum der Kreuzestod Jesu?

Gefragt von Sarah
Jesus am Kreuz

Foto: Choat Boonyakiat/stock.adobe

Hallo Herr Muchlinsky,
Ich beschäftige mich gerade mit der Frage nach einer sinnvollen, lebensbringenden, gesunden Kreuzestheologie.
Daher interessiert mich:
Wie verstehen Sie den Kreuzestod Jesu, besonders in Hinblick auf die Sühneopfer Theorie und den Stellvertretertod?
Wie würden Sie den Tausch am Kreuz erklären?
Vielen Dank im Voraus
Sarah

Liebe Sarah,

ich schmunzle, während ich Ihre Frage lese. "Eine sinnvolle, lebensbringende, gesunde Kreuzestheologie" suchen Sie. Denn es bedeutet doch wohl im Rückschluss, dass Sie diese Theologie bislang als sinnlos, lebensfeindlich und ungesund erfahren haben. Die Rede vom Kreuz und vor allem die von Sühne, dem Opfer ist in der Tat so dunkel, dass man lange nach der "Frohen Botschaft" darin suchen muss. Da Sie nach meiner Vorstellung fragen, darf ich mir erlauben nicht zu referieren, was seit Anselm von Canterbury alles dazu gesagt und geschrieben wurde. Darauf bin ich auch bereits in einer anderen Antwort eingegangen.

Die Voraussetzung für den Gedanken des Sühneopfers und all dem ist ja, dass der Mensch es nötig hat, dass Gott zu solch einer Maßnahme greift. Im Allgemeinen wird gesagt, dass der Mensch grundsätzlich sündig ist und Gott nicht gerecht werden kann. Das ist guter Grundsatz der Theologie. Ich teile diesen Grundsatz. Die Sünde des Menschen allerdings, sehe ich nicht in den einzelnen Verfehlungen und Gesetzesbrüchen, sondern in der grundsätzlichen Haltung des Menschen, wie Gott sein zu wollen. So lese ich auch Gen 3: Der Mensch isst vom Baum der Erkenntnis und wird nun Gott dadurch sehr ähnlich. ("Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Gen 3,22) Das ist der Grund dafür, dass er aus dem Paradies vertrieben wird, nicht etwa, weil er ein Gebot Gottes gebrochen hat. In seinem Versuch, wie Gott zu sein, schafft der Mensch schließlich nur eine größere Distanz zwischen sich und Gott. Und so geht die Geschichte weiter. Die Tatsache, dass wir nicht nur Geschöpf sind, sondern auch schöpferisch begabt, macht es uns Menschen möglich, Gutes wie auch großes Unheil zu erschaffen. In seinem Streben wie Gott zu sein, sucht der Mensch nach möglichst großer Macht: Macht über die Natur, Macht über andere, Macht über Leben und Tod. Dabei vergrößert er den Abstand zwischen sich und Gott immer mehr.

Das ist meiner Meinung nach der Grund, warum Jesus Christus für uns sterben musste. Das fatale Streben der Menschheit nach Göttlichkeit konnte nur dadurch durchbrochen werden, indem nicht der Mensch Gott wurde, sondern Gott selbst Mensch wurde. Während der Mensch verzweifelt nach Macht strebt, gibt Gott diese Macht vollständig auf. Und dazu gehört, dass er so verwundbar wurde, wie es eben nur sein kann. Das ist schon im Bild vom kleinen Säugling in der Krippe erkennbar, aber erst am Kreuz wird deutlich: Gott macht sich vollständig zum Menschen. Insofern leidet Jesus stellvertretend für uns Menschen, weil wir in unserem Wahn, wie Gott sein zu wollen, es eben nicht zulassen, dass wir selbst leiden. Gott wird Mensch, wie der Mensch eigentlich sein könnte: Als der, der sich an das Kreuz schlagen lässt, nicht als der, der andere schlägt.

So kann der Mensch erlöst sein von dem Streben, Gott zu sein, weil Gott ganz Mensch wird bis in den Tod. Dass die Menschheit immer noch – manche meinen mehr denn je – versucht, wie Gott zu sein, ist richtig. Die vollständige Erlösung ist noch nicht da. Wir können auf sie hoffen, aber bis es so weit ist, hängt unsere eigene Erlösung davon ab, ob wir uns zu diesem Gott bekennen, der sich verletzen ließ.

Darum finde ich diesen Ansatz auch "lebensbringend", weil es das Leben nicht als sorglose, leidensfreie Bahn missversteht. Aber Sie dürfen das auch anders sehen. Ich hoffe nur, dass ich Ihnen bei Ihrer Suche etwas weiterhelfen konnte.

Sehr herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

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