Glauben und Zweifeln - ganz oder gar nicht?!

gestellt von Rebekka am 6. Oktober 2018
Zweifelnde junge Frau

Foto: caracterdesign/Getty Images

Gott ist schon immer in meinem Leben. Manchmal stärker, manchmal weniger stark. Aber ich habe immer geglaubt. Ich gehe jedes Jahr in den Sommerferien auf eine christliche Freizeit. Dieses Jahr auch auch wieder. Ich hab mich total gefreut wieder hin zugehen, wollte eine coole Zeit mit Gott und den andern erleben. Aber in einer der ersten Predigten erzählte ein Mitarbeiter aus seinem Leben mit Gott und wie er zu ihm gefunden hat. Er hat nicht an Gott geglaubt doch ein Klassenkamerad hat ihn überzeugt. Er dachte sich wenn er an Gott glaubt dann richtig. Ganz oder gar nicht. Ich selber hab mir die Frage gestellt Ganz oder gar nicht? Ich wollte nicht nur rin halbes Kind Gottes sein. Aber dann innerhalb von Sekunden als er die Worte Ganz oder gar nicht gesagt hatte, wusste ich, ich kann nicht ganz, Ich will nicht ganz. Den Rest der Freizeit hab ich kein einziges Gebet mehr gesprochen und die Predigten so gut es ging vermieden. Manchmal hab ich es nochmal versucht Gott zu vertrauen und an ihn zu glauben. Aber jedes Mal hab ich mir vorgestellt dass ich mich in eine Decke Einhüll durch die Gott nicht durch kommt. Ich wollte ihn nicht. Am Letzten Abend hab ich dann alles einer meiner Mitarbeiterinnnen Erzählt was mir echt nicht leicht gefallen ist. Sie meinte es wäre Nicht meine Schuld bzw. Fehler und dass ich Gott bitten soll, dass er Er mir hilft, mir hilft ihm zu vertrauen. Also hab ich meinen ganzen Mut genommen hab an dem Abend lange gebetet und bin in den Lobpreis und wollte mich Gott voll hingeben. Ich hab an dem Abend Viel geweint, einerseits wollte ich zu Gott aber andererseits war da Diese Mauer durch die ich nicht durch kam. Jetzt sind zwei Monate Vergangen und ich bin immer noch nicht weiter. Ich hab mit niemandem Mehr darüber gesprochen, aber mein Glaube ist nicht mehr da. Ich Hatte schon öfter Zweifel, ich glaube die hat jeder mal. Aber sowas Hat ich noch nie. Ich lebe zurzeit ein Leben ohne Gott. Klappt eigentlich. Wenn da nicht dieses Gefühl wäre das mich nicht loslässt. Ich will es Nicht mehr haben aber ich kann nicht anders. Ich hab ein schlechtes
Gewissen weiß dass es nicht richtig ist. Aber glauben kann ich auch nicht.

Liebe Rebekka,

vielen Dank für deine ausführliche Nachricht und den Bericht über das, was dir widerfahren ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass dich das sehr mitnimmt und so viele Fragen in deinem Kopf zurücklässt, die unbeantwortet sind. Das ist nicht angenehm und lastet, wie du ja selbst schreibst, schwer auf deinen Schultern. Umso mutiger finde ich es, dass du davon schreibst und dich auf die Suche nach einer Lösung begibst.

Der Zweifel (an der Existenz Gottes oder manchmal auch an einem selbst) ist etwas, was zu unserem menschlichen Dasein gehört. Wenn du ganz am Anfang deiner Frage schreibst, dass Gott mal mehr und mal weniger in deinem Leben war, dann finde ich, dass sich hier schon ein Zweifel findet und das meine ich ganz positiv. Du hast sicher auch vorher schon ein bisschen gezweifelt, wenn auch nur unbewusst - super! Denn Zweifeln ist nichts Negatives! Glauben und Zweifeln hängen fest miteinander zusammen und der Zweifel stärkt den Glauben – auch wenn sich das gerade nicht so für dich anfühlt.

Das Zweifeln kennen wir auch aus der Bibel. Da ist Thomas, der nicht glauben kann, dass es wirklich Jesus ist, der ihm gegenüber steht und nicht ein Fremder, der sich als Jesus ausgibt. Thomas befindet sich, genauso wie du und ich manchmal auch, auf dem Weg weg vom "Gar nicht", hin zum "Ganz". Damit meine ich, dass es nicht automatisch passiert, dass man an Gott glaubt, sondern, dass es vielmehr ein langer, langer Weg ist, bis wir dort sind.

Ich verstehe wirklich gut, dass dich das sehr beschäftigt, wie das Verhältnis zwischen dir und Gott gerade ist. Versuche es noch einmal mit Gott und gib dir ein bisschen Zeit. Vielleicht kannst du Gott immer mal eine kleine Chance in deinem Leben geben und es mit ihm versuchen. Stück für Stück, sozusagen. So kannst du den Zweifel in Bezug auf Kleinigeiten ausräumen und ihn langfristig überwinden, indem du Fragen, die dir, vielleicht bei einer Predigt, durch den Kopf gehen, nicht ignorierst, sondern lang und detailliert durchdenkst. Du wirst zu einer Antwort kommen, da bin ich sicher. Vielleicht hast du auch jemanden, mit dem du darüber sprechen kannst, jemanden, dem es vielleicht ähnlich geht? Oder ein Pfarrer oder eine Pfarrerin in deiner Gemeinde? Auf den Freizeiten vielleicht jemand?

Ich wünsche dir alles Gute und hoffe sehr, dass du bald zu einer Lösung kommen kannst, mit der du zufrieden bist. Setz dich mit Gott auseinander und versuche nicht ohne Nachfragen und Zweifeln anzunehmen, was er dir scheinbar kommuniziert. Trau dich! Ganz oder gar nicht – so funktioniert Glaube, zumindest für mich, (noch) nicht. Ein bisschen "Gar nicht" bleibt und das ist gut so.

Alles Gute,

Pia Heu

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Kommentare

Glaube und Zweifel gehören immer zusammen,
genauso wie Liebe und Angst.
Wer liebt hat auch immer Angst,
den geliebten Menschen zu verlieren.
Aber nicht der Zweifel soll unser Denken, Reden und Handeln bestimmen,
sondern die Liebe.

Wichtig ist nur, dass der Glaube und die Liebe die Nase vorn behalten.
Überwiegen die Zweifel und Ängste,
wäre es gut seine Wahrnehmung zu überprüfen.
Weniger Krimis, keine Horrorfilme, keine TV Nachrichten,
die nähren nur die Ängste.
Evtl. den Freundeskreis überprüfen
und sich mit glaubensfreudigeren Menschen umgeben,
z.B. 1x wöchentlich in einem Gospelchor mitmachen...

Eine Indianerweisheit sagt,
in uns tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen.
Der eine Wolf ist böse.
Seine Waffen sind Angst, Ärger, Neid, Eifersucht, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.
Der andere Wolf ist gut.
Seine Waffen sind Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.
Welcher Wolf gewinnt hängt davon ab,
wen du am meisten fütterst.

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