Sexualität vor der Ehe

gestellt von Theodor G. am 18. März 2019

Liebe Frau Klee,
seit einigen Monaten bin ich mit einer Baptistin zusammen und es fällt mir schwer meine Sexualität nicht so auszuleben, wie ich es mir gern wünschen würde. In ihrer Gemeinde ist Sex vor der Ehe tabu. Ich darf sie nicht nackt sehen und einige Stellen ihres Körpers nicht berühren, da es ihrer Meinung nach in die Ehe gehört. Ich denke, dass man sich gut kennen sollte bevor man heiratet, auch in dieser Hinsicht. Nun ist es für mich nicht einfach und natürlich habe ich auch sexuelle Gedanken. Meine Freundin hat mich auch darauf hingewiesen, dass in Matthäus 5,27ff. Masturbation als Sünde gilt und somit unterlassen werden sollte. Ich kann meinen sexuellen Drang aber nicht einfach unterdrücken. Wie kann ich mit dieser Situation umgehen und was mein der Matthäus-Text im Hinblick dazu? Ist Masturbation nicht auch eine Sünde? Auch beim Brief des Paulus an die Korinther ist außerehelicher Sex nicht gut angesehen. Ich habe meiner Freundin auch schon versucht meine Situation und meine Sicht auf die Bibelstellen zu schildern, sie bleibt trotzdem von ihrer Sicht felsenfest überzeugt. Vielen Dank für die Antwort bereits im Voraus!

Lieber Theodor,

da befinden Sie sich aber in einer schwierigen Situation! Ich kann Sie sehr gut verstehen. Es ist erst einmal sehr ungewohnt, sich mit christlichen Werten auseinanderzusetzen, die eine Sexualität vor der Ehe ausschließen. Diese Praxis ist in einigen Freikirchen verbreitet und wird mit der Bibel fundiert. Dafür werden eben zum Beispiel die Aussagen von Paulus angeführt, die sich gegen "sexuelle Unmoral" richten (2. Kor 12,21; 1. Thess 4,5; Kol 3,5). Man muss dazu vielleicht noch wissen, dass Paulus sich auch generell gegen die Ehe ausgesprochen hat (1. Kor 7,1-16).

Baptistische Gemeinden und andere Freikirchen haben eine sehr bibeltreue Ethik. Das heißt, ihr eigenes Verhalten orientiert sich an der Bibel. Dabei halten sie allerdings oft nicht alle Gebote der Bibel ein - sonst dürften sie auch kein blutiges Steak essen und Frauen müssten im Gottesdienst ein Kopftuch tragen -, aber immer noch erstaunlich viele. Vor allem, wenn es um Sexualethik geht.

Daneben gibt es eine christlich-liberale Position, die sich eher in den landeskirchlichen Gemeinden findet. Die Bibel wird zwar als Wort Gottes gesehen - aber dieses wurde von Menschen in ihrer Zeit aufgeschrieben. Wir können die Texte der Bibel historisch-kritisch auslegen. So war es in der Zeit von Paulus für Frauen eine soziale Absicherung, verheiratet zu sein. Ohne eine Ehemann hätten sie keine finanzielle Versorgung, auch ihre Kinder wären Opfer der Armut geworden. Es war sogar durchaus üblich im Judentum, mehrere Ehefrauen zu haben - auch das ist heute bei uns keine Praxis mehr!

Ohne Verhütungsmethoden waren ungewollte Schwangerschaften und sexuelle Krankheiten natürlich auch ein Problem. Auch das ist etwas, wogegen die biblischen Autoren vorgehen. Zur Masturbation gibt es übrigens nicht so viele Bibelstellen, eigentlich nur in 1. Mose 38,1-10. Selbstbefriedigung als "Fremdgehen" zu betrachten (Mt 5,27) ist schon eine sehr weite Bibelauslegung, die nicht so ganz begründbar ist. Denn auch beim Verbot des Fremdgehens geht es im Grunde genommen darum, keine unehelichen Kinder zu zeugen, die ohne Vater aufwachsen würden.

Die Gebote in der Bibel sichern also vor allem das soziale Gefüge der Menschen zu dieser Zeit. Sie sind sinnvoll in den damaligen Verhältnissen. Das heißt nicht, dass sie unhinterfragbar für uns heute noch gelten. So wird es sehr, sehr viele Christ*innen geben, die ihre Sexualität ohne einen Trauschein leben. In vielfältigen Formen. Und so war es eigentlich auch in der Bibel schon, darüber hat Kerstin Söderblom geschrieben.

Ich weiß nicht, ob das für Ihre konkrete Beziehung hilfreich ist. Denn Sie beide haben da ja einen echten Interessenkonflikt. Ihre Partnerin wird aufgrund Ihres Glaubens kaum von Ihrer Vorstellung abweichen, genausowenig wie Sie von Ihrer. Zu heiraten, nur um dann Sexualität ausleben zu dürfen, halte ich für wenig zielführend. Zwar ist Intimität in einer Liebesbeziehung besonders schön & heilig, aber bei unterschiedlichen Vorlieben kann die Sexualität auch als trennend erlebt werden und zum Bruch führen. Daher ist es nicht unklug, sich schon vor der Ehe darüber einig zu sein. Außerdem befürchte ich, Sie könnten noch bei ganz anderen Themen aneinandergeraten. Wird sich Ihre Partnerin Ihnen unterordnen wollen? Wie wird es mit der Kindererziehung sein?

Ich denke, Sie können nur miteinander ins Gespräch gehen und schauen, wo Sie tragbare Kompromisse finden, die Ihren beiden Positionen gerecht wird. Jede Beziehung lebt vor allem von Kommunikation. Ich wünsche Ihnen alles Gute dafür!

Beste Grüße,

Johanna Klee

 

 

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