Hallo, liebes evangelisch Fragen Team, für mich ist der Christliche Glaube ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich bin römisch-katholisch getauft und sozialisiert worden. Im erwachsenen Alter habe ich mich intensiv mit der katholischen und evangelischen (lutherisch) Lehre/Bekenntnisse auseinandergesetzt und war mir ziemlich sicher, dass mein Glaube und meine Vorstellungen von „Kirche“, eher der evangelischen Kirche entspräche. Daher bin ich letztes Jahr aus damaliger Sicht und Überzeugung sowie Familiären (Partnerin und Kind sind evangelisch) Gründen aus der RK-Kirche ausgetreten und in die EV-Kirche eingetreten. Das Problem ist, das ich mittlerweile das Gefühl habe, dass dies ein Fehler war. Immer mehr „zieht“ es mich wegen dem Gottesdienstablauf, Liturgie und Lehre zur Römisch Katholischen Kirche „zurück“. Die ganze Situation fühlt sich Schwierig an, da etwaige Gespräche mit dem Pastoralteam bzw. Erklärungen für die etwaigen „Austritte/Eintritte“ unangenehm wären. Hatten Sie schon solche „Fälle“ und was würden Sie mir raten? Auf eine Rückmeldung würde ich mich sehr freuen. Freundliche Grüße
Liebe anonyme Fragesteller:in,
vielen Dank für Ihre Frage, vielen Dank für Ihre Frage, dass Sie sich an das Frage-Team der evangelischen Kirche wenden, damit ist die Richtung meiner Antwort schon deutlich: Dass es Sie zurück zieht ist doch verständlich, was in Kindheit und Jugend wichtig war, bleibt einem treu. Bilder, Geschichten, Gerüche und Traditionen, die wir mitbringen, sind stark, sie binden uns fester an Altes, als manche mutige Entscheidung. Vom Reformator Martin Luther wird berichtet, dass er die Beichte, die Fastentraditionen und manches, was durch ihn neu geordnet wurde, für sich persönlich weiterhin gepflegt und geschätzt hat. Seine Kritik an den Traditionen wendete sich gegen die Praxis des Ablasses aber nicht gegen die Beichte selbst und das Fasten blieb ihm wichtig, es geht ja um eine Praxis, die hilft sich auf Gott hin auszurichten. Ich bin mir sicher, dass viele Menschen, die der Reformation folgten, sich ihr Leben mit dem Kreuz bezeichnet haben. Ich kenne Menschen, die schon immer evangelisch sind, sich mit dem Kreuzeszeichen segnen. Die Tradition bleibt eben stark. Meine Antwort: Sie sind Teil der katholischen Tradition und damit nun zum evangelischen Christen geworden. Oder: Sie sind ein Mensch, der - gerade auch im Familienleben - Glaubenswelten verklammert und Sie sind wichtig für beide Kirchen.
"Man trägt seine Konfession mit sich", sagte ein alt gewordenes Gemeindeglied zu mir. Sie war evangelisch konvertiert, die Schwiegereltern hatten das damals verlangt, gegen den eignen Willen. Später nahm diese Frau an vielen unserer Veranstaltungen teil, war ehrenamtlich tätig und gehörte zu den Menschen, auf die man sich fest verlassen konnte. Im Vieraugengespräch berichtete sie von ihrem Wechsel in die evangelische Kirche und dem anhaltenden Gefühl einer gewissen Fremde. Sie vermisse noch immer die Hochämter an den Feiertagen und gehe "heimlich" in katholische Kirchen, sie liebe diesen Duft und zünde Kerzen an. Das sei in Zeiten der Ökumene nun auch kein Problem mehr. Und ich stimmte ihr zu.
Nun mein erster Rat an Sie: Als Sie in die evangelische Kirche aufgenommen worden sind, haben Sie mit einem Pastor oder einer Pastorin ein Aufnahmegespräch geführt. Bitte sprechen Sie über Ihre Zweifel mit dieser Person, die Sie beim Eintritt in die evangelische Kirche betreut hat. Vielleicht reden Sie auch mit Ihrer Gemeindepastorin oder dem Gemeindepastor, die sollten Ihre Zweifel kennen und reagieren können. Es ist wichtig, dass wir die Pastorinnen und Pastoren unserer Kirche, solche Zweifel kennen und auf persönliche Nöte auch persönlich reagieren können.
Und mein zweiter Rat: Geben Sie sich und ihrer evangelischen Kirche Zeit. Man muss sich ja aneinander gewöhnen können und ich stelle mir vor, dass Sie als evangelischer Mensch mit katholischen Wurzeln eine Bereicherung für unsere evangelische Kirche sind. Vielleicht werden Sie - ungewollt - ein Teil der Ökumene und bringen die Konfessionen einander näher.
Ich grüße Sie herzlich und hoffe, dass Sie Ihren Glauben an Jesus Christus über die Konfessionsgrenzen hinaus pflegen können, Ihr Henning Kiene