Der Papst bittet darum, man möge für ihn beten. Welchen Unterschied macht es, ob für jemandes Genesung gebetet wird oder nicht?
Liebe Monika,
die Frage, die Sie uns hier stellen, ist spannend. Ich bin evangelischer Pastor und weiß nur eine evangelische Antwort. Die Antwort will ich Ihnen gerne geben. Aber vielleicht haben Sie die Möglichkeit, auch einen katholischen Kollegen zu fragen. Ich wäre auf dessen Antwort gespannt.
Beten, wie ich es verstehe, ist meine menschliche Antwort auf die göttliche Verheißung. Denn im Gebet beziehe ich mich auf das Gegenüber meines Gebetes, auf Gott. Ich bringe zum Ausdruck: "Ich bin angewiesen auf einen Sinn, der meinen Verstand und alle meine Kräfte übersteigt." Das Vaterunser ist die Keimzelle aller Gebete, im Vaterunser wird das Beten noch einmal auf einen Kernsatz zusammengefasst: "Dein Wille geschehe." Also: Beten weist über das Hier und Jetzt, über die größte Freude und die schwere Krankheit hinaus, es rechnet mit einem großen Sinnzusammenhang, den Gott verheißen hat, den ich heute aber nicht in vollem Umfang erkennen kann.
Mit Blick auf den Papst und dessen Genesung, wäre das Gebet um dessen Genesung eigentlich zu klein. Die Bitte um göttlichen Beistand in dieser Krankheit des Kirchenoberhauptes sucht in schwerer Zeit nach der Verheißung Gottes. Also ist die Fürbitte um Genesung vor allem die Bitte an Gott, er möge an seiner Verheißung festalten, für den Papst persönlich, sein Amt und die Kirche. Dietrich Bonhoeffer formuliert das prägnant: "Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott." Soweit komme ich als evangelischer Pastor.
Der Unterscheid zum Nichtbeten ist klar: Wer nicht betet, könnte den Kontakt zu den Verheißungen, zu einem großen Sinnzusammenhang, verlieren. Das wäre der Verlust der christlichen Hoffnung.
Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, der Münsteraner Bischof Heiner Wilmer, sagte am Tag vor der Operation des Papstes: "Wir sind Papst Leo im Gebet verbunden. Für seinen heute beginnenden Krankenhausaufenthalt wünschen wir ihm Gottes Segen und eine rasche Genesung." (katholisch.de) Ich habe mich auf den sozialen Medien des Vatikans umgesehen. Die Fürbitte der Katholischen Kirche erscheint wie eine Bewegung, die die innere Einheit unserer Schwesterkirche stärkt. Beten konzentriert die verbindenden Kräfte. Die Menschen wünschen Genesung, möchten ihren Papst auf dem Petersplatz erleben, zeigen sich solidarisch mit dem Kurs, den dieser - noch junge - Papst eingeschlagen hat. Es geht also um dessen Genesung und die Einheit der katholischen Kirche. Ich bin persönlich beeindruckt, dass diese Bitte um Fürbitte weltweit wirkt und zur Bewegung wird. In einer Zeit, in der man denkt, das alle gegen alle, jede gehen jeden und jeder gegen jede arbeitet, stiftet die Bitte um Fürbitte für den Papst eine Gegenbewegung und ruft zur Besinnung auf.
Das ist ein Unterschied zum Nichtbeten: Im Gebet bündeln betende Personen ihre positiven Kräfte, konzentrieren sich auf ein gemeinsames Ziel. Das setzt ein Zeichen, das über die Kirche hinaus wirkt und Zusammenhang schafft.
Soweit komme ich mit meiner Antwort. Ich hoffe, dass ich etwas Klarheit schaffen konnte, Ihr Henning Kiene