Der Glaube von Kindern

gestellt von Christoph am 14. Juli 2012

Lieber Herr Muchlinsky,

neulich habe ich gelesen, dass Luther annahm, dass Säuglinge und Kleinkinder einen Glauben haben. Man müsse diesen Glauben sogar voraussetzen können, wenn man Kinder tauft, da es sich sonst um Missbrauch des Sakraments handeln würde. Auch Jesus sagt zu seinen Jüngern: "Lasst die Kinder zu mir kommen und wehrt ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen." (Mk 10,14) Dabei wird er aber wohl kaum an Säuglinge gedacht haben. Wie kann man sich einen solchen Kinderglauben, wie ihn Luther annimmt, überhaupt vorstellen?

Viele Grüße, Christoph

Lieber Christoph,

für Luther war die Kindertaufe selbstverständlich, und dennoch machte ihm die Begründung für diese Taufe ein paar Mühen. Das hängt mit dem zusammen, was Sie schreiben: Der Glaube kommt für Luther vor der Taufe, nicht etwa bewirkt die Taufe den Glauben. Im Umkehrschluss müsste man davon ausgehen, dass selbst Säuglinge einen Glauben haben – oder man darf sie nicht taufen. So argumentieren zumindest diejenigen, die meinen, die Kindertaufe sei nicht gültig.

Im vierten Teil seines „Großen Katechismus“ richtet sich Luther gegen die Bewegungen, die die Säuglingstaufe ablehnen. Seine Argumentation beginnt mit zwei Bibelzitaten: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ (Mt 28,19, der sogenannte „Taufbefehl Jesu) und „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ (Mk 16,19). Diese beiden Worte Jesu machen die Taufe, so Luther, zu einem „göttlich Ding“, will sagen: Gott selbst hat die Taufe eingesetzt, nicht die Menschen. Demnach tauft auch nicht der Mensch einen anderen, sondern Gott selbst tauft. In der Taufe gießt Gott seinen Heiligen Geist über den Täufling aus. Wenn aber die Kindertaufe nun nicht gültig wäre: Wo hätten die vielen heiligen Menschen der Christenheit, die sichtlich mit dem heiligen Geist erfüllt waren, diesen denn her haben sollen?

Luther lässt sich nicht darüber aus, wie er sich den Glauben von Kleinkindern vorstellt. Er geht einfach davon aus, dass Kinder einen Glauben haben. Ihm kommt es bei der Taufe darauf an, dass wir nach Gottes Gebot taufen sollen. Dadurch wird jede Taufe, in der Wasser und Wort zusammenkommen gültig und unwiderrufbar. Er schreibt: „Also tun wir nun auch mit der Kindertaufe. Das Kind tragen wir herzu der Meinung und Hoffnung, daß es glaube, und bitten, daß ihm Gott den Glauben gebe; aber darauf taufen wirs nicht, sondern allein darauf, daß Gott befohlen hat.“

Langer Vorrede, kurzer Sinn: Der Glaube ist für Luther zum einen eine Entscheidung für Christus wie auch eine Frage der Gnade Gottes, ein Geschenk. Insofern können auch Säuglinge glauben, weil sie dieses Geschenk empfangen können. Wie können wir uns das (heute) vorstellen? Die EKD hat 2008 Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis der Taufe in der evangelischen Kirche veröffentlicht, in der sie schreibt:

Quote:

Verstehen wir den Glauben ausschließlich als subjektiven Glauben,

als eine persönliche Entscheidung für Gott und als einen bewussten

Akt des Vertrauens auf Gott, so muss die Kindertaufe in der Tat

problematisch werden. Verstehen wir dagegen wie die allermeisten

biblischen Texte Glauben vorrangig als ein Geschenk und als ein

Kraftfeld, in dem wir leben, so können Säuglinge und kleine Kinder

guten Gewissens getauft werden. Da Glauben aber immer beides

ist – sowohl Gabe als auch persönliche Aneignung und Entscheidung

–, praktizieren die allermeisten christlichen Kirchen

sowohl die Säuglings- als auch die Mündigentaufe und treten so

einseitigen Verständnissen von Glauben entgegen.

Vielleicht kann man auch so formulieren: Kleinkinder haben ein Gespür für ihre Abhängigkeit. Sie „wissen“, dass sie nicht allein und ohne Hilfe existieren können. Das ist dem Glauben sehr nah, der sagt: „Ich bin nicht aus mir allein das, was ich bin. Ich habe mich nicht selbst erschaffen, sondern ich bin Geschöpf. Ich brauche die Gnade Gottes, um leben zu können.“ Vielleicht geht das in die Richtung dessen, was Jesus in der von Ihnen zitierten Bibelstelle meint: Kinder haben’s begriffen, dass sie nicht aus sich selbst existieren. Darum gehört ihnen das Reich Gottes.

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

Fragen zum Thema

Neuen Kommentar schreiben