Das Hohelied Salomos und Sex vor der Ehe

Gefragt von S.
Sex vor der Ehe

© Thanh Tran/Unsplash

Sehr geehrter Herr Pfarrer Muchlinsky!

Ich habe eine Frage zu dem Hohelied:

Sie haben es mal als Pro- Argument gewählt für Sex zwischen einem Paar, was sich liebt, weil niemand zu Schaden kommt.

Nun, ich habe mir viele Auslegungen zu dem Hohelied durchgelesen. In Kapitel 3 ab Vers 6 (vor allem Vers 11) beschreibt doch die Hochzeit, oder nicht? Vor diesem Vers wird nur sehnsüchtig das Begehren nach Sexualität beschrieben (wird das vorher nicht als Traum beschrieben?) Und anschließend kommen die beiden sich körperlich näher (nach der Hochzeit).

Ein Buch, was sich der Erotik widmet gibt doch auch moralische Vorgaben. 1. ) In einer Verbindlichkeit ( du bist meins" kommt zig mal im Hohelied vor ) und 2.) Nach der Hochzeit...

Oder sehe ich das falsch? Muss man diese 2. Moral nicht draus ziehen? Wird gar nicht unbedingt von einer Hochzeit gesprochen?

Ich bin selber verlobt und meine Verlobte und ich sind verzweifelt, was Sex vor der Hochzeit angeht. Wir spüren beide, dass nichts falsch sein kann. Aber mein Gewissen sagt mir was anderes ( 2.moral des Hoheliedes).. bitte helfen Sie uns. Meine Verlobte sagt, dass die 2.moral nicht ausgezogen werden muss, weil hier einfach eine Reihenfolge gewählt wird, die damals Sitte war.. (gesellschaftlicher Kontext)

Außerdem zeigt das Gebot der Nächstenliebe, dass wenn etwas in Liebe geschieht, nicht falsch sein kann (Römer 13,10) ..

Wir freuen uns auf Ihre Antwort

S und A.

Liebe S. und A.,

zunächst einmal tut es mit Leid, dass Sie "verzweifelt sind, was Sex vor der Ehe angeht", wie Sie schreiben. Ich hoffe darum, dass ich Ihnen mit meiner Antwort ein wenig helfen kann, dass Sie Ihre Liebe noch fröhlicher leben können. Nun denn …

Wenn jemandem wichtig ist, dass die Ehe allein der Ort für Sex ist, wird dieser jemand immer Argumente dafür finden. Das gilt insbesondere, wenn dieser jemand ein frommer Mensch ist und die Bibel als Argumentationshilfe nutzt. Das Problem dabei ist, dass dabei eigene Moralvorstellungen unhinterfragt auf antike Texte übertragen werden. Redlicher ist es, die Texte genau anzuschauen und zu erkennen, was sie aus sich selbst heraus sind. Das ist beim Hohenlied gleichzeitig einfach und schwierig. Einfach ist es, weil man schnell erkennt, dass es sich hier um eine Sammlung von erotischen Liebesliedern handelt. Schwierig ist es, weil genau diese Tatsache vielen Menschen gar nicht passt, weil sie Erotik – wenn überhaupt – nur in der Ehe dulden. Das Hohelied hat eine lange Auslegungsgeschichte, in der es die längste Zeit über als Bild für die heilige Vermählung Gottes mit Israel (so die jüdische Auslegung) beziehungsweise der Kirche (so natürlich die christliche Art) ausgelegt wurde. Viele Jahrhunderte lang war das die gängige Auslegung: Es geht gar nicht um zwei Menschen, sondern es geht um Gott und seine Kirche, die einander lieben und sich vermählen. Nach der Aufklärung, also ab ungefähr 1800 wurde das Hohelied traditionellerweise so ausgelegt, wie Sie das beschreiben, nämlich mit einer "Moral", als ein Bild für eheliche Treue. Mittlerweile ist deutlich geworden, dass sich in dieser Interpretation eine romantische Vorstellung ausdrückt, die dem biblischen Text nicht entspricht. Wie gesagt, man hatte die Moral und hoffte, sie im biblischen Text zu finden - und tat das dann auch.

Mittlerweile ist man sich einig, dass das Hohelied eine profane, also weltliche Sammlung von Liebeslyrik verschiedenster Art ist. Die Anordnung folgt nicht dem Schema einer zeitlichen Abfolge, also erst sehnen, dann Sex haben. Und vor allem enthält es keine Moral, eher im Gegenteil. Anselm Hagedorn schreibt in seinem Artikel zum Hohenlied in WiBiLex: "Es darf nicht unterschätzt werden, dass sich (Liebes-)Poesie in hohem Maße dazu eignet, sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegzusetzen und eine Gegenwelt zu der eigenen zu schaffen. Damit liegt der ursprüngliche „Sitz im Leben“ für das einzelne Gedicht wohl in der Tat da, wo sich die Faszination der Liebe, des Verliebtseins und der Sehnsucht nach dem begehrenden und begehrten Menschen den normalen Konventionen des Lebens entzieht. Auf diese Weise werden die Liebenden des Hohenliedes zum Archetypus des liebenden Menschen, der einer genauen Verortung bzw. Spezifizierung nicht länger bedarf." (Anselm Hagedorn, Artikel Hoheslied, Wissenschaftliches Bibellexikon. Link: http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/21454/)

Besonders wichtig für Ihre Frage ist der letzte Satz: Es geht nicht um eine genaue Verortung, es geht nicht um bereits verheiratet oder nicht, es geht nicht um Ehe oder nicht. Die Hochzeit von der die Rede ist, ist ein Fest, das die Liebe der beiden feiert, nicht die Voraussetzung für irgendetwas.

Um es ganz deutlich zu sagen: Ich respektiere jedes Paar, das sich dazu entschließt, mit dem Sex auf den richtigen Moment zu warten. Letztlich tun das hoffentlich alle. Für manche kommt dieser Moment eher, für manche später, für einige erst mit der Ehe. Aber das sollte immer eine eigene Entscheidung sein. Die Bibel dafür heranzuziehen, Paaren zu verbieten, vor der Ehe Sex zu haben, empfinde ich als unredlich gegenüber der Bibel selbst. Besonders ärgerlich werde ich, wenn diese Menschen sagen, sie würden die Bibel ernst nehmen, weil sie ja eindeutig sei. Wer das behauptet, meint in der Regel die eigene Auslegung und nicht die Bibel. Wie ich bereits schrieb: Die Moral steckt nicht im Hohenlied, sondern in den Köpfen der Interpretierenden. Da darf sie gerne sein. Nur – und das haben Sie selbst geschrieben – da kann sie auch wehtun und einen verzweifeln lassen.

Sie lieben einander. Machen Sie was draus!

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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