Durch einen Austausch per Zoom, kam eine Frage auf..... Bisher war ich mir absolut sicher, das Opfertiere anschließend nicht verspeist werden. Vorhin kam ein Kommentar..... der meine Sicherheit diesbezüglich "ins Wanken brachte"...... Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Tiere "weitere Verwendung fanden"......aber........?
Liebe Ursel,
ja, das Fleisch von Opfertieren wurde verspeist. Für die eigentlichen Opferriten wurden oftmals nur das Fett oder Teile der Innereien eingesetzt. (siehe: 3. Mose 3,3+4) Das proteinhaltige Fleisch war für den Verzehr vorgesehen, ein Teil stand den Priestern zu, der andere Teil des Fleisches kam in den Handel. Nicht verzehrt wurden das Blut und das Fleisch, das bei heidnischen Opferhandlungen geschlachtet wurde.
In der jungen christlichen Gemeinde kam es über den Verzehr des Fleisches aus heidnischen Opferhandlungen zu einem Konflikt. Im Verlauf der Klärung hat der Apostel Paulus seiner Gemeinde in Korinth den Verzehr des heidnischen Opferfleisches erlaubt. Seine Begründung: Wir wissen, "dass es keinen Götzen gibt in der Welt und keinen Gott als den einen." (1. Korinther 8,4) Alle heidnischen Götter sind also keine Götter, sondern werden nur "Götter genannt". Was aber nur Gott genannt wird, aber kein Gott ist, bleibt in der christlichen Gemeinde ohne Wirkung. Sollte das Fleisch also unter irgendwelchen rituellen Handlungen verarbeitet worden sein, so bleiben diese Handlungen wirkungslos. Denn: Wir haben "doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm, und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn." (1. Korinther 8,6)
Also: Keine Furcht vor irgendwelchem Zauber, der einem als wirksam angeboten wird, er hat keinen Einfluss auf das persönliche Heil. In Korinth wird es für die kleine christliche Gemeinde vermutlich auch problematisch gewesen sein, Fleisch zu kaufen, das garantiert nicht in Verbindung mit heidnischen Kulten stand. Die Tempel waren dicht an dicht errichtet worden, die Möglichkeit, heidnischen Kulten auszuweichen, war klein.
Aber: Der Apostel Paulus war nicht nur Theologe, der Apostel war auch ein gründlicher Seelsorger. Er wusste natürlich, dass viele Mitglieder der Gemeinde Furcht vor heidnischem Zauber hatten. Sie fürchteten, dass das Fleisch irgendwie kontaminiert sein könnte. Die Vorstellung, dass da von den Götzendiensten etwas "hängen geblieben" ist, war in der Gemeinde verbreitet. Darum rät der Apostel zu gemeinschaftlicher Zurückhaltung. Denn: "Nicht alle haben die Erkenntnis." (1. Korinther 8,7) Darum rät der Apostel: "Wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nimmermehr Fleisch essen, auf dass ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe." (1. Korinther 8,13)
Es geht also um gegenseitige Rücksichtnahme. Die Regel, die in der Gemeinde gilt, ist so einfach: "Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe baut auf." (1. Korinther 8,1) Er plädiert also für eine liebevolle Zurückhaltung in Sachen Fleischgenuss aus Opfertierhaltung. Und Paulus plädiert dafür, anderen Personen in der Gemeinde keine Vorschriften über deren Essgewohnheiten zu machen. Das eigene Gewissen entscheidet, nicht das, was andere Gemeindeglieder einem vorschreiben wollen. Da klingt der Apostel sehr modern und nach 21. Jahrhundert.
Für Ihre Frage danke ich Ihnen sehr. Gerade jetzt, am Anfang der Passions- und Fastenzeit, ist diese Frage ja spannend: Wie mache ich mein Leben etwas freier von den Dingen, die mir zwar erlaubt sind, die meinem Glauben nicht schaden, die mir aber persönlich nicht guttun? Mit Blick auf andere Menschen: Wie fülle ich mein Leben mit der Liebe auf, die mir und anderen Menschen, auch den Schwachen in der Gesellschaft, gleichermaßen gut tut?
Ihnen eine gesegnete Passions- und Fastenzeit, Ihr Henning Kiene