Reicht es wenn ich meine Sünden Gott bekenne und sie bereue? Oder muss ich, wenn ich Unrecht getan habe, demjenigen das sagen?
Liebe Michaela,
vielen Dank für deine Frage. Du bist ehrlich und gestehst dir - sogar vor Gott - ein, dass du Unrecht getan hast, du sprichst von "meine Sünde". Das ist ein wertvoller Moment im Leben, dass man zu der Erkenntnis kommt: "Ich bin auf Vergebung angewiesen!" Der Reformator unserer Kirche, Martin Luther, stellt fest: Wir Menschen können moralisch nur aus der Gnade Gottes leben. An allem, was wir tun und lassen, klebt immer auch etwas von der Sünde. Darum ist Martin Luther auch sein Leben lang zur Beichte gegangen, weil er das Wort von der Vergebung hören wollte. Vor Gott die Sünde, deren Folgen man ja manchmal auch sieht, zu bekennen ist ein sehr wichtiger Schritt. Ja, das kann reichen. Denn manchmal braucht es Zeit, bis man einem Menschen, dem man Unrecht zugefügt hat, wieder begegnen kann.
Im Vaterunser heißt es: "vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern". Also müsstest du der Person, der du Unrecht getan hast, auch die Gelegenheit eröffnen, dir deine Schuld zu vergeben.
Der christliche Glaube spielt sich nicht in einer exklusiven Beziehung zwischen glaubender Person und Gott ab. Christlicher Glaube hat immer auch den anderen Menschen, nahe und ferne Personen, im Blick. Wie wir in der Gemeinschaft der Glaubenden leben und mit anderen Menschen umgehen, ist Teil unseres Glaubens. Die Pflege eines christlichen Miteinanders gehört zum Glauben. Also: Bitte nimm Kontakt auf, versuche die Person, der du Unrecht getan hast, zu erreichen. Sieh, ob du sie mit deiner Bitte überhaupt ansprechen kannst. Manches Unrecht überwältigt die Geschädigten und macht sie gegenüber denen, die ihnen Unrecht getan haben, hart und abweisend. Versuche behutsam und ohne Eile um Vergebung zu bitten. Und: Zur Buße gehört auch, dass du dich den Folgen deines Unrechts stellst. Du wirst zuhören müssen, verstehen, welchen Schaden du verursacht hast, und am Ende solltest du bitten: Vergib mir. Und christlich ist es auch, dass du fragst, wie du den Schaden deines Unrechts ausgleichen kannst.
Ich wünsche dir viel Kraft und ahne, dass du auf dem besten Weg bist, dieses Unrecht los zu werden, denn du bist ja ehrlich mit dir selbst.
Herzliche Grüße, dein Henning Kiene