Zwiespältige Gefühle: Muss man Paulus mögen?

Marco
Silhouette einer Person vor Sonnenuntergang
© Chei Ki/Pexels

Liebes Redaktionsteam,
ich bin fast 52 und habe trotz meines Kontaktes als Jugendlicher Taufe/Konfirmation (leider) erst vor einigen Wochen ganz unverhofft zu einem von Herzen kommenden christlichen Glauben gefunden. Da ich sehr viel aufzuholen habe, lese ich ganz fleißig die Bibel und bin nun kurz vor dem Ende bei den Briefen des Paulus angekommen. Irgendwie wecken diese aber in mir zwiespältige Gefühle. Einerseits möchte ich dankbar Paulus Verdienste um die Verbreitung des Christentums anerkennen, andererseits ist er mir aber irgendwie...nun ja...etwas unsympathisch. Mir fehlt manchmal die positive Grundstimmung der vorausgegangenen Evangelien, und für meinen Geschmack betont er zu häufig seine eigene Besonderheit und Wichtigkeit. Auch seine Wandlung vom Saulus zum Paulus ist zwar grundsätzlich etwas Positives, hinterlässt aber bei mir trotzdem Zweifel und einen schalen Beigeschmack. Bin ich da zu kritisch oder gibt es auch in der Kirche unterschiedliche Ansichten über seine Person?
Herzlichen Dank im Voraus!

Lieber Marco,

wie Ihnen geht es vielen Menschen, die beginnen, sich Paulus und seinen Briefen anzunähern. Das liegt daran, dass man seinen Briefen die Anlässe anmerkt, in denen sie geschrieben wurden. Paulus schrieb ja nicht, um in der Bibel zu stehen. Er schrieb echte Briefe an echte Menschen, die er meistens kannte, und mit denen er seine Geschichte und häufig genug seine Probleme hatte. Gerade die Punkte, die Sie ansprechen, sind beispielhaft dafür, denn Paulus hatte sich häufig genug gegen diejenigen zu verteidigen, die ihn für keinen „echten“ Apostel hielten, weil er ja schließlich nicht einer von den ursprünglichen Jüngern Jesu war.

Paulus musst also das eine und andere Mal den Rücken gerade machen und sagen, dass auch er den Auftrag von Jesus Christus hat, den Glauben an ihn zu verbreiten. Und das tat er. Paulus reiste, was das Zeug hielt, und gründete zahlreiche Gemeinden. Dann reiste er weiter und kümmerte sich durch seine Briefe weiterhin darum, dass es in den jungen Gemeinden noch so zuging, wie er es für richtig hielt. Darum ist die Grundstimmung, wie Sie es schreiben, manchmal eher angespannt. Der Brief an die Galater zum Beispiel macht deutlich, dass man sich dort in seiner Abwesenheit darüber einig geworden war, dass Paulus erstens keine wirkliche Autorität ist und dass zweitens das, was er erzählt hatte, nicht stimmt.

Mir ist Paulus im Laufe meiner Beschäftigung mit ihm immer sympathischer geworden, eben weil mir klar wurde, dass er eben nicht als die große Autorität schrieb, die er heute in der Kirche ist. Er war einer, der für seinen Glauben brannte, weil er die Nachricht vom auferstandenen Jesus Christus für die tollste Sache der Welt hielt. Und er schrieb eben, wie es ihm aus der Feder kam. Das bedeutet natürlich auch, dass nicht alles Gold ist, was er schreibt. Die frauenfeindlichen Sätze in seinen Briefen sind ein deutliches Beispiel dafür, dass Paulus eben auch ein Kind seiner Zeit war. Aber all das möchte ich ihm verzeihen angesichts seiner wundervollen Erkenntnis, dass es im christlichen Glauben nicht darauf ankommt, alles zu können oder richtig zu machen. Es kommt darauf an zu glauben und zu lieben. Was Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther über die Liebe schreibt, ist einfach wunderschön. Und wie entlastend ist es doch, dass wir uns Gott nicht gnädig machen müssen, sondern dass uns Gott selbst durch Jesus Christus Gnade und Frieden und ewiges Leben geschenkt hat, wie Paulus im Brief an die Römer beschreibt.

Wenn Sie mögen, schauen Sie mal in eine Einleitung zum neuen Testament hinein. Dort erfahren Sie die spannenden Hintergründe zur Entstehung der Briefe. Für den Einstieg empfehle ich Martin Ebner/Stefan Schreiber: Einleitung in das Neue Testament. Viel Freude weiterhin auf Ihrem Glaubensweg!

Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

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