Ich frage mich oft, woher diese Angst auch bei Christen und Christinnen kommt. Liegt es vielleicht daran, dass Jesus so sehr leiden musste und schließlich qualvoll ans Kreuz genagelt, sterben musste? Auf der anderen Seite haben wir doch die Hoffnung auf die Auferstehung und kehren - wie die katholische Kirche es formuliert - zurück ins Haus des Vaters.
Liebe Frau Pippow,
vielen Dank für Ihre Frage. In den Wochen vor dem Karfreitag liegt die Frage, die Sie stellen, in der Luft und Sie geben selbst zwei mögliche Antworten: In den Qualen Jesu am Kreuz wird tatsächlich das Leid sterbender Menschen abgebildet und wird zu einer Erfahrung des christlichen Glaubens. Jesu Kreuzigung zeigt, dass Gott dieses menschliche Sterben selbst erfährt. Oder: Gott setzt sich dem Leid, das wir erleben, aus. Manchmal stehe ich ratlos vor dem, was Menschen in der letzten Phase ihres Lebens durchleben müssen. Dann bleibt nur die Hoffnung, auf die schon die Bibel setzt: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen." (Offenbarung 21,4) Selbst in der schwersten Todesnot gilt: "Siehe, ich mache alles neu!" (Offenbarung 21,5)
In den Evangelien wird deutlich, dass Jesu Sterben Gott selbst in seinem Innersten berührt. Sogar der Zweifel hofft. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne" (Psalm 22,2) betet Jesus und hofft in diesem Gebet auf diesen – scheinbar fernen – Gott. Mit diesem Gebet wird Jesus auch gesprochen haben: "Der Herr hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und da er zu ihm schrie, hörte er’s." (Psalm 22,25)
"Auf der anderen Seite haben wir doch die Hoffnung auf die Auferstehung", schreiben Sie selbst und geben mir eine zweite Antwort vor: Die andere Seite ist hier so nah, wie die beiden Seiten derselben Medaille, nur wenige Millimeter liegen dazwischen. Frage und Antwort gehören hier zusammen. In der Not schimmert die Hoffnung auf. In der Tiefe der Feier des Karfreitags ist schon ein Bewusstsein von der Auferstehung angelegt.
In den kommenden Wochen werden überall die Passionsmusiken von Johann Sebastian Bach erklingen. Vielleicht können Sie im Konzert oder im Rundfunk die "Matthäuspassion" hören. Da singt der Chor am Ende: "Wir setzen uns mit Tränen nieder", Jesus wird beweint und in der Musik klingt ein Wiegenlied mit und in allem Schmerz schwingt das Wissen um das Erwachen aus dem Tod, der ja auch als Schlaf verstanden wird, mit.
Also wird meine Antwort zu einer Bitte an Sie und ist auch eine Selbstaufforderung an mich: Nutzen wir den Karfreitag und das Osterfest dazu, diese Erkenntnis zu stärken, um dann eines - hoffentlich fernen - Tages selbst bereit zu sein, dem letzten Abschied Stand zu halten und der Hoffnung zu vertrauen.
Liebe Frau Pippow, wir beide kennen uns seit vielen Jahren, ich weiß, dass Sie das Meer lieben und die Sommer an der Nordsee schätzen. Es gibt Sommernächte im Norden unseres Landes, da berührt der Moment des Sonnenuntergangs den Augenblick des Sonnenaufgangs. So möge es mit dem letzten Augenblick unseres Lebens sein. Im Versinken der Lebenssonne im abendlichen Meer möge der Aufgang des Morgenlichtes zu ahnen sein.
Ihnen wünsche ich eine gesegnete Passionszeit und ein beherzt fröhliches Osterfestes,
herzlich grüßt Sie Ihr Henning Kiene